Der Bankier, der BILD-Leser, der Asylant und die Kekse

14.02.2014

Die Geschichte geht aber noch weiter:


Nachdem also der Bankier zum BILD-Leser gesagt hat: „Pass auf, der Asylant will deinen Keks!“ fügt er hinzu: „Also gib ihn lieber mir, ich pass`auf ihn auf, und morgen, wenn der Asylant weg ist, kriegst du den Keks zurück und noch einen dazu.“ (Frag mich jetzt nicht, wo der Asylant morgen hin ist. Er ist halt „weg“.)
Der BILD-Leser lässt sich das nicht zweimal sagen und gibt dem Bankier auch noch den letzten Keks. (Der hat doch einen an der Waffel!).


Kurze Zeit später kriegt der BILD-Leser Hunger. In seiner Not geht er zum Bankier und sagt: „Weisst du, ich hab`s mir anders überlegt: gib mir doch meinen Keks jetzt gleich wieder, damit ich was zu essen habe.“
Der Bankier sagt: „Natürlich kann`ich dir sofort einen Keks geben. Aber weil ich dann heute auf meinen Keks verzichten muss, gibst du mir morgen diesen Keks und 5 Kekse dazu als Entschädigung, also 6 Kekse.“
Der BILD-Leser denkt sich „Morgen ist ein anderer Tag“ und schlägt ein. Der Bankier gibt dem BILD-Leser den Keks und der BILD-Leser isst ihn auf.


Am nächsten Tag sitzt der Bankier, der BILD-Leser und ein RTL-Zuschauer an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen 12 Kekse.
Der Bankier nimmt sich 11 Kekse und sagt zum BILD-Leser: „Wo sind denn die 6 Kekse, die du mir schuldest?“
Der BILD-Leser sagt: „Ich habe keine 6 Kekse. Nur diesen einen hier.“
Der Bankier sagt zum RTL-Zuschauer: „Pass auf, der Sozialschmarotzer will deinen Keks!“

Und zum BILD-Leser sagt er: „Und du geh los und schaff`an! Und morgen liegen hier 12 Kekse oder du bist weg vom Fenster!“

7 Antworten to “Der Bankier, der BILD-Leser, der Asylant und die Kekse”

  1. fridakopp said

    Ganz schön hefftig – und vor allem: treffend!

  2. spoxx said

    Danke, @fridakopp für deinen Kommentar!

    Tatsächlich wurde die kleine Geschichte (bzw. die Fortsetzung des ursprünglichen Witzes) schon kritisiert als zu übertrieben („5 Kekse als Zinsen…!) – aber ich sehe es halt als Parabel, als Märchen, das allerdings schon einen realen Hintergrund hat: das, was man oft als „Schuldenfalle“ bezeichnet.

    Falls dich das näher interessiert – ich finde, die Zusammenhänge sind ganz gut beschrieben in diesem Video an dieser Stelle: http://youtu.be/6jBRPGEXLn4?t=6m9s

    – bzw. in dem Buch: Graeber, David. Schulden – Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart: Klett-Cotta, 2012, S. 393:
    „(…), dass heute jeder verschuldet ist (die Schulden der amerikanischen Haushalte werden auf durchschnittlich 130 Prozent ihres Einkommens geschätzt) (…) für das (…) was die Volkswirtschaftler gern als Ermessansausgaben bezeichnen, (…) die auf etwas anderem als materieller Berechnung beruhen. Man muss sich verschulden, um eine Leben führen zu können, das nicht auf das bloße Überleben beschränkt ist.“

    Herzliche Grüsse!

  3. Hat dies auf Über das Schreiben von Geschichten rebloggt und kommentierte:
    Seit ich sie gestern gelesen habe, begeistert mich die Geschichte „Der Bankier, der BILD-Leser, der Asylant und die Kekse“ sehr – und ich möchte gerne zu ihrer Verbreitung beitragen (versehen mit dem Zusatz, dass es sich bei „der Asylant“ vermutlich um so etwas wie „Rollenprosa“ handelt, da es ansonsten ja gute Gründe gäbe, die Formulierung „der Asylbewerber“ zu bevorzugen😉

    • spoxx said

      Danke @juttareichelt für das Rebloggen – und für die Begeisterung. Man merkt, du kannst nachvollziehen, wie sowas gut tut😉
      Und ja, du hast recht, die Formulierung „Asylant“ kommt natürlich (wie könnte es anders sein?) aus dem Munde des Bankiers!

      • Der Dank ist ganz auf meiner Seite – selten habe ich einen kurzen, gleichnishaften Text als so gelungen empfunden. Der Irrsinn dieser ganzen Situation, die Maßlosigkeit, aber eben auch Unverfrorenheit der Beteiligten, das alles ist so wunderbar stimmig wie komisch dargestellt …

  4. Die Geschichte verschweigt, dass der Bild-Leser schon seit Jahren mit Aktien zockt und der RTL-Zuschauer sein neues Auto auf Kredit gekauft hat.

    Kritik am Bankenwesen kommt in Krisenzeiten immer gut an. Es ist aber das gesamte System, in dem wir alle schön mitspielen, das verkorkst ist.

    Wahr ist allerdings, dass der Asylbewerber (den ich lieber Flüchtling nenne) der Leidtragende ist.

    • spoxx said

      Ja, @tobiaslindemann, es gibt so Vieles, was die Geschichte verschweigt – sonst wäre sie ja unendlich😉

      Sie verschweigt ja auch, dass zum Beispiel der vogelfrei und selbstausbeuterisch als Kulturarbeiter tätige Autor der Geschichte seinen Lebensabend teilweise über eine kapitalgestütze Lebensversicherung zu finanzieren hofft, welche ebenfalls auf jenem System beruht.

      Unklar ist ihm dabei allerdings, welche Position und Funktion er hierbei in der Nahrungskette einnimmt: frisst er oder wird er gefressen…?

      Danke, für deinen Kommentar! 😉

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